Chinakohl

Züchtungsfragen für private Nutzer
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Martin
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Chinakohl

Beitrag von Martin » 02.05.2010, 01:17

Hallo beisammen,

Hat von Euch jemand Erfahrung mit Samenbau bei Chinakohl? Im "Handbuch Samengärtnerei" steht drin, daß Chinakohl sich schwer überwintern lässt, weil die Samenträger meist im Winterquartier faulen. Zudem wird zur Überwinterung bei 0 - 2°C geraten. Außerdem steht da: "Insgesamt ist die Vermehrung von Chinakohl in unseren Breiten aufgrund seiner Krankheitsanfälligkeit ein Meisterstück des Gemüse-Samenbaus und keine Kultur, die wir AnfängerInnen im Samenbau anraten.

Nun, wir hatten letztes Jahr wie immer Chinakohl angebaut, den wir nicht ganz verbraucht haben. Von den stehengebliebenen Pflanzen haben zwei den langen, kalten Winter tatsächlich völlig ungeschützt überlebt. Inzwischen stehen sie in voller Blüte und es ist meine Absicht, davon Samen zu ernten. Ich meine, wenn sie ungeschützt im Garten einen langen, kalten Winter überleben, können die doch gar nicht so heikel sein. Ich werde auf jeden Fall versuchen, von diesen beiden Pflanzen Nachwuchs zu ziehen und den wiederum in den nächsten Wintern wieder draußen lassen. Vielleicht klappt es ja, eine robuste, völlig winterharte Sorte zu selektieren. Was meint Ihr?

Liebe Grüße,

Martin

PS.: Auch im Dreschflegel-Katalog ist Chinakohl nicht vertreten. Ist der Samenbau wirklich so schwierig und ich habe hier nur Idiotenglück, daß zwei Pflanzen überlebt haben?

Als Nachtrag noch ne dumme Frage: Ist hier im Forum noch Winterzeit? Ich hab den Beitrag um 2.17 Uhr geschrieben und er wurde bereits um 1.17 Uhr registriert...

Harald Zimmermann
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Re: Chinakohl

Beitrag von Harald Zimmermann » 02.05.2010, 09:30

Hallo Martin von der Ostalb ;-)

ich wohne in Betra, das ist nicht weit weg von der Alb, zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb.
Ich habe keine Erfahrung im Saatgutanbau von Chinakohl. Aber wenn Du mir ein paar Samen von den beschriebenen schenken köntest, würde ich nächstes Jahr auch versuchen diese anzubauen.
Im Gegenzug könnte ich Dir Samen aus mehrjähriger eigener Zucht von Bohnen, Tomaten, Zwiebeln, usw. , also auch lokal angepasste Sorten, anbieten. Ich habe inzwischen ca. 20 bis 30 Sorten in Eigenvermehrung. Die meisten davon sind ursprünglich von Dreschflegel.
Ich finde die Sache wirklich interessant, habe aber keine Ahnung, ob das wirklich klappen würde. Mich interessieren hauptsächlich winterharte Pflanzen, Freilandpflanzen und Wildpflanzen, die man essen kann und solche, die das Gemüt erfreuen.

Gruß Harald
Harald Zimmermann
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salvia
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Re: Chinakohl

Beitrag von salvia » 02.05.2010, 12:27

Hallo Martin,
zum Chinakohl kann ich leider nicht mit eigenen Erfahrungen aufwarten.Wünsch dir aber viel Erfolg mit dem Samen und der Selektion.
Die Sommerzeit kannst du im Persönlichen Bereich unter `Einstellungenselbst korrigieren.
L.G. Salvia

Martin
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Re: Chinakohl

Beitrag von Martin » 02.05.2010, 13:00

Hallo Harald,

Wenn es mit der Samenernte klappen sollte und die Menge ausreichend ist, kann ich Dir gern was abgeben. Im Moment aber blühen sie erst und da wir hier außerordentlich viele Wühlmäuse haben, weiß ich nicht, ob die beiden Pflanzen nicht doch noch vorzeitig das zeitliche segnen. Daß die bis jetzt überlebt haben, hat mich überrascht und ich hoffe, daß sie bis zur Samenreife noch durchhalten. Wäre schon toll, eine völlig winterharte Chinakohllinie zu selektieren.

Gruß,

Martin

Harald Zimmermann
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Re: Chinakohl

Beitrag von Harald Zimmermann » 02.05.2010, 13:20

Hallo Martin,

mit Wühlmäusen habe ich auch kleinere Probleme, seit ich ein Hügelbeet gebaut habe. Außerdem hätte ich den Tobinamur aus dem Garten draußen lassen sollen. Nach meinen Erfahrungen hilft gegen Wühlmäuse am besten, wenn Du Dir Haare besorgst. Ich verwende meine eigenen, indem ich sie nach den Schneiden aufhebe und bei Bedarf in die Wühlmauslöcher stopfe. zur Zeit "haaren" die Katzen. Streicheln oder bürsten mit dem Katzenstriegel bringt auch Haare. Die mögen die Wühlmäuse auch nicht.
Du könntest rund um Deine gefährdeten Pflanzen den Boden etwas aufgraben, ihn mit Haaren, z. B. vom Frisör, vermischen, um ihn dann wieder zuzudecken.

Meine Adresse:
Harald Zimmermann
Osterweg 3
72160 Horb-Betra

Am 6. Mai mache ich ab 19 Uhr 30 einen Filmvortrag in unserem Dorf und für unser Dorf (Vorraum der Hohenzollernhalle) über die grüne Gentechnik u.a. mit dem Film "David gegen Monsanto" unter Bezugnahme zur aktuellen Lage in Deutschland. Vielleicht hast Du Lust, Zeit und eine Fahrmöglichkeit und kommst auch vorbei ;-) Der Vortrag ist kostenlos.

Liebe Grüße Harald
Harald Zimmermann
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Martin
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Re: Chinakohl

Beitrag von Martin » 11.07.2010, 07:56

Hallo beisammen,

Die Samenernte beim Chinakohl ist abgeschlossen. Ich hab doch einiges an Samen ernten können und werde versuchen in diesem Winter mehr Pflanzen zu überwintern und im nächsten Jahr zur Samenreife zu bringen, zwecks genetischer Vielfalt...
Falls jemand Interesse an Saatgut dieser beiden sehr gut überwinterten Pflanzen hat, bitte einfach anmailen, dann schicke ich ne Portion los.

Liebe Grüße,

Martin

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Re: Chinakohl

Beitrag von Martin » 16.08.2010, 20:10

Hallo beisammen,

Die neue Chinakohl-Saison hat begonnen. Die Sämlinge wachsen und ich mache mir wegen Wühlmäusen derzeit keine Sorgen mehr. Dafür wegen Feldmäusen. In diesem Jahr wurden keine Wurzeln abgefressen, dafür haben wir viele offene Löcher von Feldmäusen. Kohlrabi-Jungpflanzen verschwinden regelmäßig spurlos, selbst Bohnen wurden oberirdisch abgefressen. Abgefallene Äpfel sind derzeit rundum abgenagt, was wir noch nie hatten. Unter diesen Bedingungen sind die Chinakohl-Pflänzchen natürlich sehr gefährdet. Mal sehen wie sie wachsen.
Bei Erbsen jedenfalls hatte ich fast einen Totalverlust an Samen, konnte z.T. gerade mal den Eigenbedarf für nächstjähriges Saatgut ernten. Schoten verschwanden von einem Tag auf den anderen selbst aus vierzig Zentimeter Höhe. Sehr übel!
Ich hoffe, daß unter diesen Bedingungen mein Chinakohl dennoch gut durch den Winter kommt und ich meine Selektion fortführen kann.

Liebe Grüße,

Martin

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Re: Chinakohl

Beitrag von Harald Zimmermann » 19.08.2010, 20:52

Hallo Martin,

erst mal ein herzliches Dankeschön für das Saatgut des Chinakohls.
Ich war heute bei einem der Dreschflegler: Jürgen Wehrle. Ich habe ihm ein paar Körner Deines Saatgutes mitgebracht; ich hoffe Du hast nix dagegen - oder freust Dich sogar darüber :-)
Er meinte es ist nicht das Problem, den Chinakohl über den Winter zu bringen, sondern ihn kopfig zu bekommen. Er kann Dir das sicher besser erklären. Er meinte es ist bereits zu spät die Samen jetzt noch auszusäen und er wird es im Frühjahr und danach im Sommer probieren. Vielleich kannst Du Dich (Jügen) mal zu dem Thema melden.

Zu den Mäusen:

Ich glaube das mit den Mäusen ist wie mit allen "Mitbewohnern". Wenn die prozentuale Zahl in Vergleich zu den anderen Lebewesen nicht zu hoch ist, ist es in Ordnung, dass sie da sind. Sie ziehen die großen Belüftungskanäle durch unseren Boden. Von ihm ausgehend können andere Lebewesen, wie zum Beispiel der Wurm weitere kleine "Adern" ziehen usw.
Insofern haben sie auch ihre Aufgabe in einem Garten.
Wenn sie aber überhand nehmen kannst Du regulierend eingreifen. Immer wenn man zu gutmütig ist, kommen die "Ausnutzer" und machen sich breit. Im Schwäbischen gibt es ein Sprichwort, das ins Hochdeutsche übersetzt in etwa so heißt: Gutmütigkeit ist ein Stück von der Liederlichkeit.

Zum Einen könntest Du genügend Katzen in der Nähe haben, die sich um die zu vielen Mäuse kümmern, zum Anderen könntest Du den Mäusen was anbieten, auf das sie ausweichen, wie z. B. Tobinamur.
Tja, mehr fällt mir dazu im Moment auch nicht ein.

Liebe Grüße
Harald
Harald Zimmermann
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Martin
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Re: Chinakohl

Beitrag von Martin » 22.11.2010, 20:45

Hallo beisammen,

Bis jetzt stehen die Chinakohle ganz gut da. Die größten Köpfe hat meine Mutter ausgebuddelt, damit in den nächsten Wochen etwas zum Verzehr da ist. Ich kann mir aber vorstellen, daß Freilandüberwinterung nicht die großen, dicken Köpfe erfordert, die man zum Verzehr ernten will, weil die wahrscheinlich eher erfrieren, als die jungen, nicht so prallen Pflanzen oder bei Nässe einfach verfaulen. Aus diesem Grund werde ich im nächsten Jahr zweimal aussäen: Früh für eine akzeptable Ernte dicker Köpfe und spät für die Freilandüberwinterung junger Pflanzen.
Übrigens beginnt Chinakohl bei uns im Garten zu verwildern. Dort wo die Mutterpflanzen wuchsen, keimten mehrere Samen, allerdings ziemlich spät, so daß es nur kleine Rosetten sind. Ich laß die aber wachsen, um sie zu beobachten, zusätzlich zu den Pflanzen, die wir auf den Beeten lassen.

Interessanterweise hab ich jetzt gelesen, daß sich alle Vertreter der Art Brassica rapa miteinander verkreuzen können und alle auf Fremdbestäubung durch Insekten angewiesen sind. Wenn ich Chinakohl zur Samengewinnung anbaue, darf ich also weder Wasser-, Stoppel-, Mai-, Herbst-, Weiße Rübe und Rübstiel anbauen, noch Pak Choi, Mizuna, Rübsen, Rübsaat oder Brocoletto. Ich hatte den Samenbau einer Herbstrübensorte erwogen, aber die Chinakohlgeschichte ist mir wichtiger, also laß ich bei allen anderen Vertretern dieser Art nichts zur Blüte kommen.
Statt dessen werde ich nächstes Jahr mal Steckrüben probieren. Die können sich zwar mit Raps kreuzen, aber den baut unser Nachbar jetzt an und wahrscheinlich nächstes Jahr wegen Fruchtfolge nicht, so daß ich eben in Rapsjahren auf den Samenbau der Steckrübe verzichten muß, dafür aber von meinen Bienen Rapshonig bekomme. Entweder Rapshonig oder Steckrübensamen dürfte daher die Folge sein.

So muß man eben schauen, was man risikolos zum Saatgutgewinn anbaut...

Liebe Grüße,

Martin

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Re: Chinakohl

Beitrag von Harald Zimmermann » 23.11.2010, 18:58

Martin hat geschrieben:Hallo beisammen,
...
Ich laß die aber wachsen, um sie zu beobachten, zusätzlich zu den Pflanzen, die wir auf den Beeten lassen.
Ich finde Deine Vorgehensweise klasse! Ein solches Vorgehen wird in Dir mehr Wissen hervorbringen, als die besten Bücher zu studieren.
Wenn Du jetzt noch mit dem Wissen der Profis (Dreschflegel) versorgt würdest, kann man gar nicht mehr schneller lernen.
Mach weiter so!
Martin hat geschrieben:Interessanterweise hab ich jetzt gelesen, daß sich alle Vertreter der Art Brassica rapa miteinander verkreuzen können und alle auf Fremdbestäubung durch Insekten angewiesen sind. Wenn ich Chinakohl zur Samengewinnung anbaue, darf ich also weder Wasser-, Stoppel-, Mai-, Herbst-, Weiße Rübe und Rübstiel anbauen, noch Pak Choi, Mizuna, Rübsen, Rübsaat oder Brocoletto. Ich hatte den Samenbau einer Herbstrübensorte erwogen, aber die Chinakohlgeschichte ist mir wichtiger, also laß ich bei allen anderen Vertretern dieser Art nichts zur Blüte kommen.
Statt dessen werde ich nächstes Jahr mal Steckrüben probieren. Die können sich zwar mit Raps kreuzen, aber den baut unser Nachbar jetzt an und wahrscheinlich nächstes Jahr wegen Fruchtfolge nicht, so daß ich eben in Rapsjahren auf den Samenbau der Steckrübe verzichten muß, dafür aber von meinen Bienen Rapshonig bekomme. Entweder Rapshonig oder Steckrübensamen dürfte daher die Folge sein.
Eine weitere Möglichkeit wäre nicht auf die Sortenreinheit zu achten. Somit könntest Du beide Ziele (modifizierte Steckrübensamen und "Raps-"honig) ernten. Falls Du das alles mit Deinen Familienmitgliedern verspeisen wolltest. Für Verkauf geht sowas momentan noch nicht.

Viel Spaß beim Experimentieren
Gruß Harald
Harald Zimmermann
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Martin
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Re: Chinakohl

Beitrag von Martin » 24.11.2010, 19:20

Harald Zimmermann hat geschrieben:Eine weitere Möglichkeit wäre nicht auf die Sortenreinheit zu achten. Somit könntest Du beide Ziele (modifizierte Steckrübensamen und "Raps-"honig) ernten. Falls Du das alles mit Deinen Familienmitgliedern verspeisen wolltest. Für Verkauf geht sowas momentan noch nicht.

Viel Spaß beim Experimentieren
Gruß Harald
Hey Harald,

bring mich nicht auf dumme Gedanken... Ich könnte ja auch die Sortenreinheit sausen lassen und auf demselben Beet Herbstrüben neben dem Chinakohl zur Blüte bringen. Dann könnte eine ganz neue Gemüsesorte entstehen, unten Rübe oben Kohlkopf oder sonstwas Neues. Steckrüben und Raps stelle ich mir nicht so doll vor, aber Chinakohl und Herbstrüben könnte ne interessante Kreuzung ergeben.
Wie überhaupt Kreuzungen verschiedener Rassen zumindest interessante Neuschöpfungen bringen könnten. Ich habe dieses Jahr roten Rosenkohl versucht (vermutlich Kreuzung zwischen Rotkohl und Rosenkohl, aber meinen Pflanzen zufolge fehlt es an der Festigkeit der roten Röschen. Nach einer Kreuzung ein paar Jahre Selektion, dann hat man die Sorte wie sie sein soll.
Vielleicht sollte ich tatsächlich mal versuchen, innerhalb einer Art eine Neuheit zu züchten. Roter Wirsing z.B.

Herzliche Grüße von einem nachdenklichen

Martin

Harald Zimmermann
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Re: Chinakohl

Beitrag von Harald Zimmermann » 24.11.2010, 21:47

Martin hat geschrieben:Herzliche Grüße von einem nachdenklichen

Martin
Hallo Martin,
macht Spaß mit Dir zu diskutieren:-)
Nachdenken ist immer gut, wenn die Ausrichtung der Gedanken stimmt, sodass sie einen fröhlich stimmen.
Meine Gedaken dazu:
Ich erhebe keinen Anspruch auf die Allgemeingültigkeit oder die wissenschaftliche oder rechtliche Richtigkeit; es sind lediglich meine Gedanken und mein Wissensstand.

Man muss sich überlegen, wem die Sortenreinheit nützt.
Zum Einen nützt sie dem Verbraucher, der einkaufen muss. Er kann sich in etwa orientieren was er für sein Geld bekommen wird. Aber nur in etwa, weil der Geschmack auch noch von anderen Kriterien abhängig ist, als nur von der Sorte. Da sind z. b. die Beschaffenheit des Bodens, die Art es Düngens, das Klima und noch andere. Da hat es der Kleingärtner einfacher. Der kennt den Geschmack seiner Pflanzen.
Sie nützt aber auch dem Staat, um abkassieren zu können.
Und sie nützt auch den Saatgutherstellern, obwohl diese vielleicht leichter neues auf den Markt bringen könnten, wenn sie nicht so exakt auf die vom Bundessortenamt definierten Eigenschaften achten müssten.
Im Prinzip geht es um Kontrolle, aber warum ist diese überhaupt notwendig?
Aus meiner Sicht ist es vorrangig ein robustes gesundes Gemüse im Garten zu haben, erst dann kommt die Reinhaltung der Sorte.
Ein Saatguthersteller darf natürlich nicht so denken bzw. handeln.
Nimmt man die Natur als Ratgeber, so kreuzen sich eben bestimmte Sorten und das wird schon seinen Grund haben. Natürlich setzt man die angezüchteten Eigenschaften auf's Spiel, aber das wird durch eine abgerundetere Eigenschaftspalette belohnt.
Der Sepp Holzer hat mal in einem Seminar gemeint, es ist ihm egal, ob die Gemüsepflanzen bei ihm sortenrein sind, Hauptsache sie wachsen gesund. In diesem Punkt habe ich die gleiche Ansicht.

Liebe Grüße
Harald
Harald Zimmermann
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Martin
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Re: Chinakohl

Beitrag von Martin » 25.11.2010, 21:05

Hallo Harald,

Es gibt keine allgemeingültige Wahrheit, sondern immer nur eine subjektive, die jeder Mensch für sich selbst akzeptiert. Deshalb tu ich mich auch mit Religionen schwer. Für den einen ist die eine wahr, für den anderen eine andere und beweisen kann keiner was.
Daher kann ich auch nicht behaupten, daß mein Weltbild oder meine Sicht eines bestimmten Sachverhalts die absolute Wahrheit ist. Wenn mein Glas halb voll ist und Deines halb leer, dann haben wir beide dasselbe im Glas, aber dennoch ein unterschiedliches Weltbild. Ich freu mich, daß ich noch die Hälfte hab, Du ärgerst Dich, daß schon die Hälfte weg ist. Punkt.

So stehen sich auch im Gartenbau zwei Weltbilder gegenüber. Die einen wollen Einheitlichkeit, die man normieren kann. Englischer Rasen, 7mm hoch. Gurken mit maximalem Krümmungsgrad. Oder Kohlrabi, die alle gleichzeitig dieselbe Größe haben. Dieses industrielle Denken der Vereinheitlichung hat auch viele Hobbygärtner ergriffen. Ich hab mal jemand mit ner Wasserwaage seine Hecke schneiden sehen.
Die anderen dagegen wollen Vielfalt. Denn Leben ist Vielfalt. Leben ist nicht genormt, nicht einheitlich.
Sortenerhaltung ist in meinen Augen ein Spagat zwischen diesen beiden Weltbildern. Zum einen muß man ein einheitliches Erscheinungsbild einer Sorte erhalten, zum anderen soll sich eine Sorte ja auch anpassen können, an regionale Bedingungen und andere Faktoren.
Saatgutkonzerne sind Vertreter des genormten Weltbildes, was auch nicht verwundert, weil sie ja oft international dieselbe Sorte für die unterschiedlichsten Bedingungen verkaufen wollen. Ungeachtet der Sorteneigenschaften. Bei Äpfeln sind die Konzerne besonders erfolgreich. Fast alle modernen Sorten sind auf ganz wenige Elternsorten zurückzuführen: Jonathan, Golden Delicious und ein, zwei weitere, die mir grad nicht einfallen. Diese Sorten werden weltweit angebaut, sind weltweit im Handel - und sind extrem empfindlich, brauchen also viel Chemie. Tausende alte Sorten wurden verdrängt oder gar ausgerottet, obwohl sie wesentlich robuster sind, aber eben auch unterschiedlicher im Erscheinungsbild.
Ein ganz großes Problem ist der Sortenschutz. Eine Nutzpflanzensorte, deren Saatgut verkauft werden soll, braucht eine sehr teure Zulassung, was einen ziemlich hohen Verkauf an Saatgut erfordert, damit eine Sorte rentabel ist. Eine Zulassung bekommt man aber nur wenn eine Sorte geprüft und einheitlich ist. Will ein kleiner Saatgutproduzent eine Salatsorte verkaufen, die nur er produziert und von der er nur tausend Portionen verkaufen kann, dann ist die Sorte nicht rentabel, eine Zulassung also entweder ein Verlustgeschäft oder gar nicht möglich. Das Sortenschutzgesetz in seiner heutigen Form ist in meinen Augen ein Mittel der Agrarindustrie, um kleinere Konkurrenz vom Markt zu fegen und Vereinheitlichung statt Vielfalt durchzusetzen. Aber ich denke, da können Dir die Dreschflegel-Leute kompetentere Auskunft geben.

In der Natur kreuzen sich natürlich die Sorten einer Art. Als ehemaliger Gärtner finde ich die sortenreine Erhaltung einer Sorte aber sehr wichtig. So wie aber auch Kreuzung und Anpassung die Stagnation der Erhaltung ergänzen. Es entstehen immer wieder neue Sorten oder Zuchtlinien, was zwar neben der Erhaltung auch wichtig ist, aber zu einer unendlichen, kaum mehr überschaubaren Vielfalt führen kann und zwangsläufig auch zum Aussterben von Sorten, die nicht mehr angebaut werden. Sortenerhaltung darf daher nicht dogmatisch auf Erhaltung einer untauglichen Sorte bestehen. Ich hatte mal die Patenschaft einer Kopfsalatsorte übernommen, deren Saatgut der VEN nur noch in der Genbank St. Petersburg ausfindig machen konnte. Sowohl bei mir, als auch bei einer anderen Anbauerin bildete die Sorte keine Köpfe, sondern ging vom Jugendstadium direkt in die Blütenbildung über. Ich beendete die Patenschaft (denn was ich erhalte, will ich auch nutzen können), im VEN hieß es dann zwar im nächsten Jahr, daß die Sorte züchterischer Bearbeitung bedarf, noch ein Jahr später war sie ganz aus der Saatgutliste verschwunden - zu Recht! Schlechtes muß auch bei der Sortenerhaltung verschwinden dürfen, wie bei jeder Evolution.

So, jetzt hab ich genug geschwafelt.

Liebe Grüße,

Martin

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Re: Chinakohl

Beitrag von Harald Zimmermann » 26.11.2010, 11:14

Martin hat geschrieben:Hallo Harald,

Es gibt keine allgemeingültige Wahrheit, sondern immer nur eine subjektive, die jeder Mensch für sich selbst akzeptiert. Deshalb tu ich mich auch mit Religionen schwer. Für den einen ist die eine wahr, für den anderen eine andere und beweisen kann keiner was.
Hallo Martin,
Auch bei Religionen kann man sich fragen wem sie nützen und auf welche Art. Ein Satz aus meiner Lieblingsbuchreihe "Die klingenden Zedern Russlands" heißt in Etwa:
Alle ihr selbsternannten Seelenführer, so werdet leise, denn Gott bedarf des Mittlers nicht.
Unsere Vorfahren hatten den direkten Kontakt mit Gottes Schöpfungen wie Pflanzen und Tiere. In der heutigen Zeit ist der Kontakt ersetzt worden durch Religionen, die für ihre Bruchteile, die sie wissen bzw. herausgeben auch noch Geld haben wollen.
Und wenn man dann noch sieht, dass über 90% der Kriege auf ihr Konto geht, hmmm.
Die technokratische Entwicklung hat uns dann noch weiter von der Natur weggeführt.

Aber ich möchte diese Diskussion hier beenden, denn eigentlich ging es um Deinen Chinakohl.
Deine weiteren Ausführungen in Bezug auf Saatgut- und Sportenreinheit waren mir alle bekannt. Die Dreschflegler haben diese Argumentationen auch in Ihren Saatgutseminaren weitergegeben. Ich glaube hier sind wir schon richtig :-)

Liebe Grüße
Harald
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Re: Chinakohl

Beitrag von forumadmin » 03.12.2010, 09:31

Ich sag noch mal was zu dem Thema Sortenreinheit und Vielfalt. Ich bin der Meinung beides ist wichtig. Kulturpflanzen sind nicht entstanden indem man nur die Natur hat walten lassen, denn dann gäbe es noch keine Kulturpflanzen und wenn ich meine Möhren mit den hiesigen Wildmöhren kreuzen lasse, dann habe ich Glück wenn sich nur die weiße Farbe zeigt und nicht die zähe harte Struktur der Wildmöhre. Andererseits kann man natürlich mal einen Kreuzungsversuch machen um zu sehen ob die Winterfestigkeit in die Kulturmöhren hineingelangt oder ob dieses Merkmal mit der festen Struktur der Wildmöhre verbunden ist. In der Züchtung ist nichts ausgeschlossen, aber man sollte sich überlegen ob die Ergebnisse sinnvoll sein könnten. Bei den Genbanken wird leider keine Züchtung betrieben, es ist schon erheblich viel Aufwand nötig um überhaupt den ganzen Bestand immer wieder zu verjüngen. Deshalb kann es passieren, dass bei den wenigen Pflanzen einer Akzession, die nachgebaut werden um frisches Saatgut zu erhalten, die besondern Eigenschaften einer Sorte verloren gehen. Vor allem bei fremdbefruchteten Arten. Ich bin gerade dabei aus einer vielzahl alter Sorten ein Sorte mit großer "innerer" Vielfalt zu züchten. Wenn das an vielen Orten entstehen würde könnte man wieder eine große Vielfalt an Sorten entstehen lassen. Denn eine Vielfalt an unterschiedlichen Sorten kann züchterisch nur entstehen wenn noch eine größere genetische Vielfalt (viele Eigenschaften) als Ausgangslage da ist.
LGLudwig

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